Jahresrückblick 2025
Baba, altes Jahr,
gemach, gemach – du musst noch nicht aufbrechen, bleib ruhig noch ein wenig sitzen dort auf deinem Stammplatz. Wir lassen uns nicht hetzen in unseren Beisln hier im Internet. Weder im „Café Dementi – Online mit Anfängergeist“ noch im „Café Auszeit – das gepflegte Beisl für Pflegende“. Du kannst also noch in Ruhe packen. Lass aber bitte Glaube, Liebe, Hoffnung hier und auch den Rucksack voll Humor. Den Koffer mit den Vorurteilen, den Sack voller Sorgen und das Bündel Angst kannst du gerne mitnehmen, wenn du versprichst es ordentlich zu entsorgen. Nicht dass sich jemand daran verletzt.
Du warst ein gutes Jahr 2025, nicht aufregend. Am überraschendsten war, dass kaum mehr etwas überraschen konnte, vieles gleich blieb oder erschien schlicht noch ein wenig absurder. Fast ist es, als wärest du gerade eben zur Tür herein gestolpert und ich verwechsle dich da oder dort mit deinen Vorgängern. Du warst, wie jene Menschen, die auf jeder Party willkommen sind, von denen man aber nicht weiß, ob sie überhaupt da waren. Du hast keinen Streit vom Zaum gebrochen, wie so manche vor dir, aber auch keinen bereinigt. Du hast auch keine Epidemie im Gepäck gehabt, aber viel Leid für jene, die noch mit den Folgen der letzten zu kämpfen hatten.
Nimm es mir nicht böse, 2025 – du warst Mittelmaß. Aber ist es nicht manchmal das Mittelmaß, das sich als goldene Mitte erweist; das den Raum bietet für eine Atempause? Das uns hilft mit den Situationen umgehen zu lernen? Und sind nicht die – im Verhältnis zu deinen Vorgängern – kleineren Katastrophen, für die, die es betrifft groß genug?
Ich bin sehr dankbar, dass du niemanden aus unserer Virtsstube geholt hast, aber natürlich ist mir klar, dass du nicht gehen konntest, ohne Andere mit dir zu nehmen. Und so denke ich jetzt zwischen den Jahren an die, die du beraubt hast, an ihren Schmerz und ihre Trauer. Und dankbar auch an jene, deren Bilder und Geschichten uns hier in unserem kleinen Beisl begleiten, als würden sie jeden Moment wieder bei uns sitzen. Und irgendwie tun sie das ja auch und sind aus unserer Mitte nicht mehr wegzudenken.
So viele Besuche!
Wer hätte gedacht, dass es die beiden virtuellen Beisln 2025 noch immer und schon ganze fünf Jahre lang gibt? An 135 Tagen hat das „Café Dementi – Online mit Anfängergeist“ seine Türen geöffnet, drei Mal pro Woche abgesehen von Urlaub und Ferien. Insgesamt also war die Virtsstube mit der heuer etablierten zusätzlichen Viertelstunde und dem einen oder anderen Überziehen der Sperrstunde in diesem Jahr 180 Stunden geöffnet und ganze 60 Stunden davon haben wir Daumen-Yoga betrieben. Durchschnittlich acht Gäste saßen zusammen, insgesamt waren wir 1.083, zählt Zoom.
Darunter Menschen, die ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte, die sich aber auch gegenseitig zu Freund:innen, Vertrauten, Seelenverwandten geworden sind. Sie sind eine bunte Mischung aus Menschen mit und ohne Demenzdiagnose, Angehörigen, Pflegenden, Expert:innen, Interessierten und Freund:innen aus verschiedenen Ländern und Lebenssituationen. Stetig bereit voll Anfängergeist voneinander zu lernen, sich auf Veränderungen einzulassen und gemeinsam Lösungen zu finden. Denn jener ist nicht nur in unserem Beisl-Namen „Online mit Anfängergeist“ prägendes Motto, sondern wird ganz nach Zen-Meister Shunryu Suzuki mit Leben erfüllt: „Im Anfängergeist gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige“.
Stammgäste
Dabei sind unsere Stammgäste doch auch Expert:innen. So führt Yasemin trotz und mit ihrer Diagnose Frontotemporale Demenz ein lebens- und liebenswertes Leben und wir können von ihr und ihrem Mann Frank viel über den Umgang mit Schwierigkeiten aber auch über die Liebe lernen. „Anchorman“ Richard ist nicht nur ein Gast der ersten Stunde in unserem kleinen Online Beisl, sondern mittlerweile schier unentbehrlich. In „Radio Rudolfshöhe“ vermittelt er uns voll Disziplin zu jedem Beisl-Termin historische und kuriose Fakten zum Tage. Er teilt nicht nur seine Gedanken, sondern auch seinen Lebensmut trotz Widrigkeiten mit uns. Mit ihm vermissen wir Ellen, mit ihm stehen wir schwierige Zeiten durch und mit ihm freuen wir uns über den Mut großer Pläne.
Auch schon „ewig“ dabei ist unsere Katzen-Karin mit ihren 20 Stubentigern in der Türkei. Dank ihr können wir auf Türkisch bis drei zählen und sehen immer wieder Palmen und einen Sonnenuntergang über dem Meer. Sie hat uns sogar schon auf hohe See mitgenommen, zu der einen oder anderen Busfahrt und in ihre Münchner Heimat. Nachdem sie lange in San Francisco gelebt hat, bringt sie viel internationales Flair mit. Und noch mehr bodenständigen Humor.
Humor steht bei uns wie anderswo Salz, Pfeffer, Zahnstocher und Maggi-Flasche auf jedem Tisch. Wahrscheinlich, weil Menschen wie unser „Medizinalrat“ Frank(opedius) den immer in ihrem „Erste-Hilfe-Koffer“ haben. Den braucht man wohl und nicht nur wenn man sich in der Hirntumor-Selbsthilfe engagiert. Frank steht uns sowohl in medizinischen als auch technischen Fragen gerne zur Seite.
So wenn unser Sonnenschein Katharina plötzlich mit arabischen Untertiteln kämpft. Wir freuen uns auch sehr über das Stückchen Freiheit, das sich meine quirlige Namensvetterin mit dem italienischen Nachnamen in diesem Jahr zurückerobern konnte. Denn Freiheit braucht Signorina Tirilli wie das Blau des Südens.
Ein schier unentbehrlicher Gast ist auch unser Toni, Meister des Wiener Schmähs, der uns immer wieder mit neuen Kulturtipps verwöhnt und uns zu Ausstellungen von Leherb bis Gugging mitnimmt. Noch einmal vielen Dank, lieber Toni, dass du uns anlässlich seines 120. Geburtstags an den großen Viktor Frankl erinnert hast. Seine gelebte Weisheit bringt Trost und Sinn. Mit Sätzen wie „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“ oder „Das Ich wird Ich erst am Du“ kann sich nicht nur die Virtin identifizieren.
Sondern auch Marie Else, die tatsächlich 2025 zur treuen Stammgästin geworden ist. Sie ist nicht nur von Tonis Kulturausflügen in Wien begeistert, sondern hat uns Allen Travemünde und seine drei Nobelpreisträger Thomas Mann, Günter Grass und Willy Brandt nahegebracht. Auch sie teilt ihre kulturellen Ausflüge via Internet und Telefon sehr gerne mit uns, freut sich über Österreichisches im Radio und hat meist immer noch „eine Frage“.
Einen weiteren Stammgast hast du uns geschenkt, liebes Jahr 2025: Maria. Und auch wenn es schwierig war in den ersten Monaten, wenn die Kamera wieder einmal nicht funktioniert hat und alle Helferlein nicht weiterwussten. Maria ist drangeblieben und man kann sich unser kleines Beisl ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Wenn ich sie einmal pro Woche bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit für die Caritas Socialis treffe, freuen wir uns immer sehr über unser gemeinsames „Beisl-Leben“.
Auch der liebe Alois hat es geschafft regelmäßig vorbeizukommen und seien Frau und den Garten trotzdem nicht zu vernachlässigen. Wann immer die Virtin um Feedback bittet – und das ist gar nicht so selten, antwortete er ruhig und überlegt. Für Gunvor war es aufgrund ihrer Schulteroperation ein aufregendes und anstrengendes Jahr. Und Jan hast du 2025 ebenfalls sehr gefordert. Er hat liebe Menschen bis zum Schluss begleitet, ist ihren Angehörigen in ihrer Trauer beigestanden und musste sich schließlich auch noch einer Operation unterziehen. Und dann waren dann noch Heidrun von der Alzheimerethik, die immer wieder die Werbetrommel für uns gerührt hat, wie auch unsere „Demenzdolmetscherin“ Marina, die 2025 wirklich durchgestartet ist. Und natürlich all die anderen, Silke, Barbara, Gunter, die unser kleines Beisl nicht ganz vergessen haben.
Zukunftstechnologie am Zuge
Neu war auf alle Fälle, die Künstliche Intelligenz, die die Virtin nicht nur beim Erstellen der Erinnerungen für die Beisl-Einladungen unterstützt hat, sondern auch hilfreich ist beim Zusammenfassen unseres Tuns hier:
„Das „Café Dementi – Online mit Anfängergeist“ ist ein ehrenamtlich betriebenes, virtuelles Treffen für Menschen mit und ohne Demenz, Angehörige, Pflegende und Interessierte. Es findet dreimal pro Woche via Zoom statt und wird von der „Virtin“ moderiert. Fester Bestandteil ist das gemeinsame „Daumen-Yoga“ – ein Bewegungs- und Achtsamkeitsprogramm, das regelmäßig reflektiert und angepasst wird.
Die Themen sind vielfältig: Von Alltag, Gesundheit, Ernährung, Technik, Literatur, Musik, Kunst, Philosophie, Politik, Gesellschaft, Religion bis zu persönlichen Erlebnissen und aktuellen Ereignissen. Es gibt regelmäßige Rubriken wie „Radio Rudolfshöhe“ (historische Kuriositäten), Kulturtipps, Online-Koch- und Backevents sowie Feedback- und Fragerunden.
Die Gruppe versteht sich als offene, wertschätzende Gemeinschaft („Beisl-Familie“), in der Trost, Identität, Einbeziehung, Bindung und Humor zentrale Werte sind. Neue Gäste werden herzlich aufgenommen, Diversität und Inklusion sind selbstverständlich. Die Finanzierung erfolgt über Spenden, die Teilnahme ist kostenlos.“
Bestens versorgt
Seit März 2023 ist das „Café Dementi – Online mit Anfängergeist“ Teil des „Sorgenetz“. Der „Verein zur Förderung gesellschaftlicher Sorgekultur“ verwaltet auch die Spenden für uns. An dieser Stelle wieder vielen, vielen Dank für eure großzügigen Spenden. Sie werden ausschließlich zum Aufrechterhalten des Beisl-Betriebs verwendet. Zum „Sorgenetz“ gehört auch der „ACHTsame 8.“ für den die Virtin jedes Jahr am „Tag der ACHTsamkeit einen 5-Uhr-Tanztee organisiert.
Eine Auszeit
Sorgekultur über die Grenzen hinaus betreibt auch die Interessensgemeinschaft Pflegender Angehöriger, die seit September 2020 einmal im Monat das „Café Auszeit – das gepflegte Beisl für Pflegende“ finanziert. Ich darf es gemeinsam mit und unterstützt von Birgit Meinhard-Schiebel und Hanna Fiedler betreiben und es bietet – meist am dritten Mittwoch im Monat – all jenen, die mit Pflege zu tun haben, ob privat oder beruflich eineinhalb Stunden Auszeit. 18 kostbare Stunden haben wir auch im vergangenen Jahr dort gemeinsam gelacht, geweint, uns versorgt, getröstet, gelobt, gefeiert, einander zugehört, einander wahrgenommen
2026 unter den güldenen Karyatiden
Ach, liebes altes Jahr, jetzt darfst du langsam gehen, keine Angst wir werden dich nicht vergessen. Auch wenn dein Nachfolge – das fesche 2026 – das Herz von manchen von uns schon beim Hereinkommen gewonnen haben könnte. Meines zumindest, denn in meinem Kopf ähnelt es ein bisserl dem Dirigenten beim heurigen Neujahrskonzert Yannik Nezet-Seguin. Ich stelle mir vor, dass du, Neues Jahr, in der Metropolitan Opera in New York genauso sicher den Taktstock schwingst wie unter den güldenen Karyatiden im Musikvereinssaal. In meinem Kopf bist du so 2026: ein fescher Fünfziger, du trägst silbernen Nagellack, diamantene Flinserl und eine Brosche statt der Fliege, du liebst Rosen, den Frieden und einen Musikanten und du bist fähig den viel umstrittenen Radetzkymarsch aus dem Parkett des Goldenen Saals mitten zwischen den Leuten zu dirigieren.
Und ich sehe schon, auch du hast Glaube, Liebe, Hoffnung dabei, und im Knopfloch die Kitwood‘sche Bedürfnisblume mit Identität, Einbeziehung, sozialer Bindung, Beschäftigung, Trost und jeder Menge Liebe. Und all das brauchen wir, 2026. Und dazu natürlich Anfängergeist für alles, was da kommen mag.
Ich freu m mich auf dich 2026! Ich weiß, auch dich werde ich in bester Gesellschaft verbringen. Und selbst wenn da oder dort mehr als ein Grund da wäre, sich zu sorgen- mit viel Lachen, der einen oder anderen Träne, mit Lernen, Freundschaft und (Für)Sorgekultur, mit guten Gesprächen, schöner Musik, Lebensweisheit gespeist aus mehr als einer Quelle und den besten Beislgästen wirst auch du ein gutes Jahr.
Herzlich Willkommen, 2026
Gehen wir’s gemeinsam an: am Mittwoch, 7. Jänner 2026 ab 16 Uhr im
Café Dementi – Online mit Anfängergeist
Montag, Mittwoch und Donnerstag 16 bis 17 Uhr
Zoom-Meeting beitreten
us02web.zoom.us/j/87621091794
Meeting-ID: 876 2109 1794
und am Mittwoch 21. Jänner von 18 bis 19:30 Uhr im
Café Auszeit – das gepflegte Beisl für Pflegende
IG Pflege/Virtin Katharina Klee laden zu einem geplanten Zoom-Meeting ein.
Zoom-Meeting beitreten
us02web.zoom.us/j/83879934840
Meeting-ID: 838 7993 4840
Ich wünsche uns allen aus ganzem Herzen viel Glück, Gesundheit, Liebe im Jahr 2026 und die Fähigkeit all das wahrzunehmen und sich darüber zu freuen.
Ich freu mich darauf und auf euch.
Pfiat di!
Deine
Virtin Katharina
